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diumenge, 3 de febrer de 2013

"ER LÄSST SICH NICHT LESEN..."


                            Illustration von Harry Clarke für eine Londoner Ausgabe (1923) 

Heute habe ich die Lektüre von „Tales of Mystery and Imagination“ von Edgar Allan Poe (Boston, 1809-1849) beendet (1). Dabei gibt es eine kurze Erzählung mit dem Titel  „The Man of the Crowd“ ( „Der Mann in der Menge“, auch „Der Massenmensch“). Diese Erzählung fängt an:

It was well said of a certain German book that ‚er lässt sich nicht lesen’ –it does not permit itself to be read.

Am Ende der Erzählung, schreibt E.A.Poe auf was für ein Buch er sich bezieht: Hortulus Animae cum Oratiunculis Aliquibus Superadditis von Grünninger.
Johannes Reinhard, alias Hans Grüninger ( Markgröningen, 1455-Straßburg, 1532), war ein deutscher Buchdrucker und Verleger.

Hortulus Animae  (Seelengärtlein) war der lateinische Titel eines spätmittelalterlichen Gebetbuches, das auch auf Deutsch erhältlich und Anfang des 16. Jahrhunderts weit verbreitet war.

Hier nahm Poe diesen Satz ( „er lässt sich nicht lesen“) um zu  bedeuten, dass das Buch zu schockierend für einen Leser, um es vollständig durchzulesen war.
In der Einleitung der Erzählung Poes wird der Leser unter Bezugnahme auf  den „Hortulus animae“ darauf vorbereitet, dass es Geheimnisse gebe, die zum Glück ebenso unergründlich seien wie dieses Buch unlesbar. Dann stellt sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler als ein Flaneur vor, der das abendliche Treiben auf einer großen Straße Londons durch das Fenster eines Kaffeehauses beobachtet. Gerade von einer Krankheit genesen, genießt er diesen Zustand mit Zeitung und Zigarre und beschreibt detailliert die verschiedenen Schichten vorbeiströmender Menschen – von den Geschäftsleuten, Advokaten und Adligen abwärts über die besseren und die weniger guten Angestellten zu den Arbeitern, den Taschendieben und Huren. Ermöglicht wird dieser soziologische Querschnitt durch die Gasbeleuchtung, die die Menschen bis tief in die Nacht hinein auf den Straßen hält und beobachtbar macht. Die Aufmerksamkeit des Beobachters wird nun durch einen ganz besonders faszinierenden Mann von etwa 70 Jahren gefesselt. Von ihm sagt der Erzähler:
Ich habe in meinem ganzen Leben kein zweites (Antlitz) gesehen, das ihm auch nur im entferntesten glich. Aber ich erinnere mich sehr wohl, dass gleich mein erster Gedanke bei seinem Anblick war, dass jeder Maler, der nur immer den Teufel malte, dies Gesicht allen künstlerischen Darstellungen des Satans vorgezogen haben würde.
Der Erzähler verlässt das Kaffeehaus und folgt diesem Mann, der äußerlich zerlumpt gekleidet ist, doch unter den Lumpen trägt er, wie im Licht einer Gaslaterne gut zu erkennen ist, qualitativ gute Wäsche, und es schimmern ein Diamant oder ein Dolch hervor. Von rätselhafter Unruhe getrieben, durcheilt der schäbige Alte die Stadt, es beginnt zu regnen, aber den Erzähler stört das nicht, der Alte biegt in Seitenstraßen ein, wechselt oftmals die Straßenseite, dreht mehrere Runden auf einem hell erleuchteten Platz, rennt dann scheinbar ziellos und dennoch zielstrebig durch ein Kaufhaus, stürzt sich in das Gewühl des Publikums, das aus einem Theater quillt, und eilt schließlich stadtauswärts
...in das widerwärtigste Viertel Londons, wo alle Dinge den hässlichen Stempel trostlosester Armut und abscheulichster Verkommenheit tragen. In dem trüben Lichte einer vereinzelten Laterne bemerkte man alte, hohe, wurmstichige, hölzerne Behausungen, die dem Einsturz nahe schienen und so unordentlich und willkürlich umherstanden, dass es einen Weg, der den Namen Straße verdient hätte, gar nicht gab. Die Pflastersteine waren durch das frei wuchernde Gras aus ihren Fugen gedrängt. Unrat verweste in den verstopften Rinnen. Die ganze Atmosphäre schien von Verwahrlosung vergiftet.
Hier bahnt er sich seinen Weg durch das Gewühl von Trunkenbolden vor einer Spelunke. Als sie schließt, kehrt er in die Stadt zurück, zurück auf die jetzt leerere Hauptstraße, wo der Erzähler ihn entdeckte und die Verfolgung aufnahm. Der erschöpfte Erzähler gibt auf:
Ich trat dem Wanderer fest entgegen und blickte ihm unverwandt ins Gesicht. Aber er bemerkte mich nicht, sondern setzte seine feierliche Wanderung ruhig fort. Jetzt folgte ich ihm nicht weiter und blieb in tiefem Nachdenken stehen. "Dieser alte Mann", sagte ich endlich zu mir selbst, "ist die Verkörperung, ist der Geist des Verbrechens. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann in der Menge. Es wäre vergebens, ihm noch weiter nachzugehen, denn ich würde doch nichts von ihm, nichts von seinen Taten erfahren."

(1) Tales of Mistery and Imagination, by Edgar Allan Poe, with an Afterword by Jonty Claypole. Barnes and Noble Books, New York, 2003.