diumenge, 7 d’abril de 2013

AUF DEM LAUFENDEN ZU LEBEN (POETISCH)

                                                                      Faust


Es gibt eine Person Bernard Schlinks (1944, Bielefeld), die die Familiengemeinsamkeit liebt, und eines Tages macht sie die folgende Überlegung:

“...aber ich wünsche mich mehr Familiengemeinsamkeit. Ich wünsche mich die Tage mit Kate und Rita wären nicht nur einmal in der Woche mein Leben, sondern morgen wie heute und gestern.
Alles Glück will Ewigkeit? Wie alle Lust? Nein, es will Stetigkeit.” (1)

Diese Idee, die ewige Lust, hat Frederick W. Nietzsche (1844-1900) schon ausgedruckt:

... Tief ist ihr Weh –
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit --,
--Will tiefe, tiefe Ewigkeit !” (2)

Zarathustra (Nietzsche) hat sich auf die Idee der Lust konzentriert, die ihm attraktiver als Glück schien. Er hat der Lust das Weh entgegengesetzt. Unterdessen etabliert Schlink einen Kontrast zwischen Glück-Lust und Stetigkeit.

Über die gleiche Idee hat schon Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) nachgedacht:

... Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
Auf freyem Grund mit freyem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, Du bist so schon ! ...” (3)

Faust (Goethe) sagt diese Worte nur einen Moment bevor er tot ist, am Ende seines langen Lebens mit Höhen und Tiefen (ich bitte alle mich verstehen zu wollen). Hier erwähnt Goethe nicht Lust oder Glück oder Schmerz. Er kontrastiert nur Leben und Tot.

Und schliesslich (für jetzt und für mich), wollte Joan Maragall (1844-1911), um die Absicht Goethes zu interpretieren, in einem seiner repräsentativsten Gedichte schreiben:

“... Aquell que a cap moment li digué: ‘—Atura’t’
Sinó al mateix que li dugué la mort,
Jo no l’entenc, Senyor; jo, que voldria
Aturar tants moments de cada dia
Per fê’ls eterns a dintre del meu cor...!” (4)

Und hier glaube ich, dass Maragall irrt, als er behauptet, dass Faust nur ‘Verweile doch!’ zu letztem Augenblick seines Lebens (jenem vor seinem Tod) gesagt hat.
Es gibt eine weitere mögliche Interpretation (und plausibler). Die Benutzung des Modalverb “dürfen” heisst dass Faust ein Erlaubnis braucht um “Verweile doch!” sagen zu können. Und diese Erlaubnis besteht in der Situation “... auf freyem Grund mit freyem Volke stehn... “

Wie gesagt, Faust, der sich selbst nahe dem Tod weiss, erinnert sich an andere Zeiten seines Lebens (oder an Zeiten die er gerne hätte leben wollen) und dachte, dass es schön  wäre, wenn diese glückliche Erfahrungen ewig  sein würden. Das bedeutet nicht , dass Faust gern genau nur den Moment seines Todes verlängern wolle. Denn das würde die ewige Agonie bedeuten... deshalb  würde nicht nur Maragall sondern auch sonst niemand das verstehen. Niemand würde es akzeptieren.

Vielleicht war diese goethische ursprüngliche Idee (die Idee, auf dem  laufenden zu leben, und tatsächlich das Leben zu leben) zu dreist und zu heidnisch für die katholische bürgerliche Moral der Zeit und des Orts, wo Maragall lebte ? Oder vielleicht irrt Maragall nicht. Vielleicht lügt er nur, wie alle Dichter lügen ... wer weiss ?



(1)    Sommerlüge, Geschichten, “Das Haus im Wald”,  B. Schlink, Diogenes Verlag AG, Zürich 2012.
(2)    Also Sprach Zarathustra, ein Buch für alle und keinen  (Dritter Teil, Das andere Tanzlied und Vierter und letzter Teil, Das trunkne Lied) F. W. Nietzsche, Goldmann Verlag, nach den Anmerkungen und bibliographischen Hinweisen von Peter Pütz.
(3)    Faust II  (Fünfter Akt) J.W. Goethe, Sämtliche Werke, nach Epochen seines Schaffens,
Münchner Ausgabe, Letzte Jahre, 1827-1832; Carl Hauser Verlag, München-Wien, 1997.
(4)    Antologia poètica, “Cant espiritual”, J. Maragall, a cura d’Arthur Terry, Edicions 62, 1981, Barcelona.